Angehörigenpflege in der Schweiz: Warum die Kosten steigen

Wenn Angehörige pflegebedürftige Menschen zu Hause betreuen, kann dies eine wichtige Ergänzung zur professionellen Pflege sein. Gleichzeitig hat sich die Angehörigenpflege in der Schweiz in den vergangenen Jahren zu einem zunehmend relevanten Bereich des Gesundheitswesens entwickelt.
Der Krankenversicherer-Verband Prio.Swiss warnt inzwischen vor stark steigenden Kosten. Nach aktuellen Berechnungen könnten sich die jährlichen Ausgaben der Krankenkassen für die Angehörigenpflege auf mindestens 350 Millionen Franken belaufen.

Was bedeutet Angehörigenpflege?

Bei der Angehörigenpflege übernehmen Familienmitglieder oder andere nahestehende Personen Pflegeaufgaben für eine pflegebedürftige Person. Dazu können beispielsweise Unterstützung bei der Körperpflege, beim Ankleiden oder bei alltäglichen Verrichtungen gehören.
In der Schweiz können solche Pflegeleistungen unter bestimmten Voraussetzungen über Organisationen der Spitex abgerechnet werden. Die Angehörigen werden dabei durch diplomierte Pflegefachpersonen angeleitet und begleitet.
Damit entsteht ein Modell, bei dem pflegende Angehörige für ihre Tätigkeit entlöhnt werden können, während die entsprechenden Organisationen Leistungen über die obligatorische Krankenpflegeversicherung abrechnen.

350 Millionen Franken für die Angehörigenpflege

Prio.Swiss beziffert die jährlichen Kosten der Angehörigenpflege für die Krankenkassen inzwischen auf mindestens 350 Millionen Franken. Diese Zahl wurde im September 2026 im Zusammenhang mit der bevorstehenden Debatte im Nationalrat veröffentlicht.
Die Entwicklung fällt besonders auf, weil der Verband in einem Positionspapier vom März 2026 noch von rund 150 Millionen Franken an von der obligatorischen Krankenpflegeversicherung übernommenen Pflegekosten für spezialisierte Spitex-Organisationen ausgegangen war.
Die aktuellen Zahlen werfen deshalb Fragen zur weiteren Entwicklung dieses Versorgungsbereichs auf. Prio.Swiss geht davon aus, dass sich das Wachstum der Kosten bislang nicht deutlich verlangsamt.

Warum die Finanzierung umstritten ist

Im Zentrum der politischen Diskussion steht unter anderem die Frage, wie die Angehörigenpflege künftig reguliert werden soll. Im Nationalrat waren im September 2026 drei Motionen zur Angehörigenpflege traktandiert.
Die Vorstösse verlangen verbindliche Vorschriften für den Bereich. Dabei geht es unter anderem um die Rahmenbedingungen, unter denen Angehörige Pflegeleistungen erbringen und über die Krankenversicherung finanziert werden können.
Bereits zuvor hatten beide Parlamentskammern eine Motion zur Angehörigenpflege angenommen. Die aktuelle Debatte geht deshalb über die reine Kostenfrage hinaus.

Es geht nicht nur um die Löhne der Angehörigen

Prio.Swiss betont, dass eine mögliche Kostensenkung nicht zulasten der pflegenden Angehörigen gehen soll. Geschäftsführerin Saskia Schenker erklärte, dass stattdessen insbesondere die Margen der Organisationen überprüft werden sollten.
Damit wird eine wichtige Unterscheidung deutlich: Die Diskussion über die Kosten der Angehörigenpflege bedeutet nicht automatisch, dass die Entschädigung der pflegenden Angehörigen reduziert werden soll.

Wie verteilt sich das Geld?

Auch die Anbieter von Angehörigenpflege verweisen auf die verschiedenen Kostenbestandteile. Andreas Hellmann, Chief Medical Officer bei Pflegewegweiser, erklärte gegenüber der NZZ, dass von jedem Franken pro Pflegestunde, den Krankenversicherung und öffentliche Hand bezahlen, mehr als 70 Rappen direkt in die Pflege fliessen.
Damit werden unter anderem die Löhne der pflegenden Angehörigen sowie die Saläre der diplomierten Pflegefachpersonen finanziert, welche die Angehörigen anleiten.

Was passiert bei einer Altersgrenze?

Ein weiterer Diskussionspunkt betrifft die Frage, ob es für pflegende Angehörige eine Alterslimite geben sollte. Befürworter einer solchen Begrenzung argumentieren unter anderem mit der Frage, ob ältere Personen die notwendige Pflege dauerhaft leisten können.
Andreas Hellmann lehnt eine starre Altersgrenze ab. Seiner Argumentation zufolge verschwindet der Pflegebedarf nicht automatisch, wenn die pflegende Person das Pensionsalter erreicht. Die Versorgung könnte sich stattdessen in teurere Strukturen wie Pflegeheime verlagern.

Angehörigenpflege zwischen Entlastung und Regulierung

Die Angehörigenpflege kann dazu beitragen, dass pflegebedürftige Menschen länger in ihrem vertrauten Umfeld bleiben können. Gleichzeitig entstehen durch die Finanzierung über die obligatorische Krankenpflegeversicherung Kosten für die Prämienzahler.
Die aktuelle politische Diskussion zeigt deshalb den Zielkonflikt zwischen einer möglichst wohnortnahen und persönlichen Betreuung und der Notwendigkeit, die Kosten und Qualität der Versorgung im Blick zu behalten.
Für die weitere Entwicklung wird entscheidend sein, welche verbindlichen Regeln das Parlament beschliesst und wie die Qualität der Angehörigenpflege sichergestellt werden kann. Gleichzeitig dürfte die Frage nach der Finanzierung angesichts des steigenden Pflegebedarfs weiter an Bedeutung gewinnen.

Die Bedeutung für das Schweizer Gesundheitswesen

Die Diskussion um die Angehörigenpflege zeigt, wie vielfältig die Versorgungsstrukturen im Schweizer Gesundheitswesen sind. Neben Spitälern, Pflegeheimen und klassischen Spitex-Angeboten spielen auch neue Modelle eine Rolle.
Für professionelle Pflegefachpersonen bedeutet dies ein zunehmend vielfältiges Arbeitsumfeld. Insbesondere die Anleitung, Begleitung und Qualitätssicherung bei der Pflege durch Angehörige erfordern fachliche Kompetenz und Erfahrung.

Karriere in der Schweizer Pflege

Die Entwicklung der Angehörigenpflege ist ein Beispiel dafür, wie sich Aufgaben und Strukturen im Schweizer Gesundheitswesen verändern. Für Pflegefachkräfte entstehen dadurch unterschiedliche Möglichkeiten, ihre Fachkompetenz einzusetzen und sich beruflich weiterzuentwickeln.
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Quellenhinweis

Dieser Beitrag basiert auf aktuellen Informationen sowie einem Fachartikel von Medinside.
Den Originalbeitrag finden Sie hier:

https://www.medinside.ch/de/prioswiss-schlaegt-alarm-350-millionen-fuer-angehoerigenpflege-20260927